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«Die Reformation ist das erfolgreichste Exportprodukt der Schweiz»

13.10.2017     Ansgar Gmür, Lilian Fritze, HEV Schweiz

Das Jahr 2017 ist ein besonderes Jahr. Sowohl für Katholiken als auch für Reformierte. Während die Katholiken 600 Jahre Bruder Klaus feiern, steht bei den Reformierten das Jahr 1517 im Zentrum, in dem Martin Luther mit seinem Thesenanschlag die Reformation ins Rollen brachte.

Mit dem berühmten Theologen Huldrych Zwingli stand auch die Stadt Zürich an vorderster Front in Sachen Reformation. Grund genug, etwas mehr über diesen wichtigen Denker und Macher zu erfahren. Wir haben uns mit Peter Opitz, Professor an der Universität Zürich, unterhalten.

DER HAUSEIGENTÜMER: Peter Opitz, was hat die Reformation der Schweiz gebracht, und was hat sie in der Welt verändert? 

PROF. DR. PETER OPITZ: Sie war zunächst die Befreiung von einem religiösen System, das auf Zwang, Aus beutung und Doppelmoral aufgebaut war. Der Weg zu einer wirklichen Glaubensfreiheit für alle war allerdings noch lang. Politisch bewirkte die Reformation zuerst Konflikte und eine schmerzliche Spaltung. Aber gerade diese Situation machte auch neue Wege nötig und möglich und förderte langfristig ein friedliches Zusammenleben trotz Unterschieden. 

Weltweit gesehen ist die Reformation wohl das erfolgreichste Exportprodukt der Schweiz. Viele Millionen Menschen in allen Ländern der Welt bekennen sich zum reformierten Christentum, und dies zunehmend und freiwillig. Die Reformation hat eine Form des Glaubens gefördert, die auf einer bewussten Entscheidung, auf Eigenverantwortung und auf Wissen beruht und eine ethische Lebensführung nach sich zieht. Damit werden Bildung, Selbstbestimmung, aber auch Fleiss, Ehrlichkeit und Mitmenschlichkeit gefördert. 

Wer war Ihrer Meinung nach der «bessere» Reformator, Luther oder Zwingli?

Das kann man nicht beantworten. Was wäre der Massstab? Beide haben grosses geleistet, und beide hatten ihre Fehler. Luther war ein Mönch. Ihm ging es um das persönliche Heil des Einzelnen. Deshalb war ihm eine klare Unterscheidung zwischen Religion und Politik wichtig. Zwingli war ein Eidgenosse und ein Volksseelsorger, der sich verantwortlich wusste für das ganze Volk. Für ihn waren Glaube und zwischenmenschliche Gerechtigkeit untrennbar miteinander verbunden.

Mit welchen Adjektiven würden Sie Zwingli charakterisieren? 

Mutig, klug, pragmatisch, humorvoll, fromm.

Hätte die Reformation in der Schweiz auch ohne Huldrych Zwingli stattgefunden? 

Das ist schwer zu sagen. Zwingli war Ideengeber und Pionier. Die Schweizer Reformation war bei der Bevölkerung aber sehr breit abgestützt. Entschieden haben die politischen Instanzen. Zwingli war nicht Diktator von Zürich, sondern städtischer Angestellter und Berater.

Zwingli wurde im Zweiten Kappelerkrieg, einem «Religionskrieg» zwischen reformierten und katholischen Kantonen, getötet, das Denkmal bei der Wasserkirche in Zürich zeigt ihn mit Schwert. War Zwingli ein Kriegstreiber?

Nein, das war er sicher nicht. Man darf nicht vergessen: Auf Befehl von Papst, Bischof und Kaiser wurden Zwingli und seine Anhänger von den «altgläubigen» Schweizer Orten blutig verfolgt. Das Ziel war Ausrottung. Anhänger Zwinglis wurden als Ketzer lebendig verbrannt. Die katholischen Orte drohten, Zürich mit Krieg zu überziehen und die protestantische Landschaft mit Gewalt zum «alten Glauben» zurückzuzwingen, was ja teilweise auch geschah. Als sich die Lage zuspitzte, begann der Pazifist Zwingli, Feldzugspläne zu entwerfen. Aus seiner Sicht war das Notwehr, aber mit Klugheit verbunden. Gleichzeitig wollte er mit militärischem Druck die Freiheit des Predigens und der Glaubensentscheidung auch in den «altgläubigen» Orten erzwingen. Ob er stets alles richtig gemacht hat, kann man heute gemütlich bei einem Glas Wein diskutieren. Aber man sollte die Umstände berücksichtigen, unter denen er handeln musste.

1523 schrieb Zwingli: «Wo der gloub ist, da ist fryheit.» Welche Bedeutung hat Zwingli – Ihrer Ansicht nach – für das Hier und Jetzt? 

Geschichtlich betrachtet hat er eine Bewegung ausgelöst, die vielfältige Früchte hervorgebracht hat. Für einige hat er einen Samen gelegt, der erst viel später aufgegangen ist. Die Glaubens- und Gewissensfreiheit und die Menschenrechte etwa sind keine direkten und auch keine reinen Folgen der Reformation. Sie haben dort aber entscheidende Impulse empfangen. Gerade Zwingli betonte stets: «Jeder Mensch ist ein lebendiges Bild Gottes!» Das führt zur Gleichheit aller Menschen und zu Respekt im Umgang miteinander. Dieser Gedanke, der letztlich natürlich auf die Bibel zurückgeht, ist der entscheidende Grundimpuls für unsere humanistischen Ideale. Die Aufklärer haben sich darauf berufen, also auf die Bibel. Aber Zwingli wollte vor allem ein Gotteszeuge sein, den Menschen Gottes Liebe und Willen zu Gerechtigkeit und Frieden neu bekannt machen. Das hat Bedeutung über alle Zeiten hinweg, es ist die elementare christliche Botschaft, die Reformierte und Katholiken teilen. 

Ulrich Zwingli
BILD: NICKOLAE ⁄ FOTOLIA

«Zwingli war kein Kriegstreiber. Ob er aber immer alles richtig gemacht hat, darüber lässt sich diskutieren.»

Prof. Dr. Peter Opitz: Zürcher Theologe und Zwingli-Experte. 


ZUR PERSON

Peter Opitz ist Professor für Kirchen- und Dogmengeschichte an der Theologischen Fakultät der Universität Zürich. Er leitet das Institut für Schweizerische Reformationsgeschichte.